13.03.2010 Stil: Klassik

Willkommen auf Liturgische Gregorianik !

Wir versetzen uns geistig in die Zeit des Pontifikats Gregor des Großen (590-604) zurück und verfolgen zeitweilig die Entwicklung des Gregorianischen Chorals, der damals ins Leben gerufen wurde.

Es gab anfangs keinerlei musikalische Notation. Die Sänger lernten das ganze Repertoire der liturgischen Gesänge auswendig und orientierten sich an dem jeweiligen Text. Die liturgischen Gesänge wurden mündlich weitergegeben: Der Lehrer sang den Text vor und die Schüler (Scholaren) wiederholten den Gesang solange, bis der Lehrer feststellen konnte, daß der Text musikalisch (gesanglich) korrekt gesungen wurde. Damit wurde sichergestellt, daß die Schüler (Scholaren) künftig als Lehrer für kommende Generationen gut ausgebildet waren und ihrerseits die Gesänge korrekt weiterzugeben vermochten.

Die erste Notation (Neumen in campo aperto) entstand um das Jahr 800 und diente als Gedächtnisstütze für die Schüler beim Erlernen des Gregorianischen Chorals. Diese Neumen konnten weder die Tonhöhe noch die Tondauer einwandfrei festschreiben. Die Gesänge mußten wie bisher mündlich weitergegeben werden. Die Neumen (einfache Striche und Bögen) wurden nach ihrer Ausrichtung benannt: Podatus (die Melodie bewegt sich nach oben), Clivis (die Melodie bewegt sich nach unten) usw. Weil die Intervalle unbekannt waren, wußte man auch nicht, ob der Podatus z. B. eine Sekunde, eine Terz, eine Quarte oder sogar eine Quinte nach oben gesungen werden muß.

Um das Jahr 1000 hat der geniale Guido von Arezzo (980-1050) die Solmisation erfunden. Aus dem Hymnus Ut queant laxis hat er die Anfangssilben der Verse als Tonnamen für die natürlichen Töne der Tonleiter benutzt: Ut (do), re, mi, fa, sol und la. Die Schüler konnten nun ohne Lehrer (im Selbstunterricht) die auf 4 Linien fixierten Gesänge erlernen. Zum Stolperstein wurde aber der 7. Ton si. Gesungen nach fa klang er nicht gut (übermäßige Quarte = Diabolus in Musica), was dazu geführt hat, daß der Ton si um einen Halbton erniedrigt werden mußte (si bemolle). In seinem Werk Micrologus schreibt Guido von Arezzo (Hauptstück VIII), wie es dazu kam, daß der Ton si zum si bemolle gemacht werden mußte: "Das runde b, welches weniger regelmäßig ist, da es das Zugefügte oder Weiche genannt wird, steht in Beziehung zu F, und wurde aus dem Grunde eingeführt, weil es zu F, das zur Quart einen Triton entfernt ist, keine Übereinstimmung gäbe."

Kommentar: Heute wissen wir, daß "das runde b" nicht "eingeführt" zu werden brauchte, da es durch seine Funktion als Subdominante des Tones F (fa) sein Dasein begründete.

Die Singmethode der Solmisation hat die Tonreihe ut (do), re, mi, fa, sol, la (Hexachordum) sowohl auf den Ton ut (do), als auch auf die Töne fa und sol übertragen:


      aa ----------------------------------------------------------   la
      g  ----------------------------------------------------------   sol
 4   f   ----------------------------------------------------------   fa
      e  ----------------------------------------------- la ---------mi
      d  ------------------------------   la -----------sol --------re
      c  -------------------------------  sol -----------fa --------ut/do (Hexachordum natu-
 3   h/b                                          fa -----------mi               rale secundum)
      a                        la -------------mi -----------re
      G                      sol ------------re ------------ut/do (Hexachordum durum secundum)
      F                       fa -------------ut/do (Hexachordum molle primum)
 2   E--- -la---------mi
      D----sol--------re
      C---- fa---------ut/do (Hexachordum naturale primum)
      B-----mi
 1   A-----re
      GG --ut/do (Hexachordum durum primum)

 Legende: 1=graves; 2=finales; 3=acutae; 4=superacutae

Die Solmisation ist die Grundlage der Singmethode der Editio Vaticana (Editio Typica 1908). Die Tonreihe umfaßt jedoch alle 7 natürlichen Töne, angefangen jeweils mit einem Ton aus der Gruppe der finales.

1. und 2. Kirchenton: re, mi, fa, sol, la, si (si bemolle), do, re.

3. und 4. Kirchenton: mi, fa, sol, la, si (si bemolle), do, re, mi.

5. und 6. Kirchenton: fa, sol, la, si (si bemolle), do, re, mi, fa.

7. und 8. Kirchenton: sol, la, si (si bemolle), do, re, mi, fa, sol.

Weitere Informationen, sowie eine ausführliche theoretische und praktische Darstellung der Singmethode der Editio Vaticana (Editio Typica 1908) entnehmen Sie bitte meiner Homepage:

www.liturgische-gregorianik.de

Mit freundlichen Grüßen

Franz Caiter
Lizentiat der Musik


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