Adam, Adolphe (- Charles)
* 24. Juli 1803 in Paris
† 3. Mai 1856 ebd.
Entstammt einer ursprünglich deutschen Familie. Sein Vater Louis (Johann Ludwig) Adam, * 3. Dezember 1758 zu Müttersholtz (Elsaß), † 8. April 1848 in Paris war ein ausgezeichneter Musiker, der sich gründlich mit Bach und Händel beschäftigte. Während seiner Tätigkeit als Professor des Kl.spiels am Pariser Cons. bildete er u.a. Kalkbrenner und Hérold aus. 1798 gab er mit Lachnith eine Méthode ou principe général de doigter pour le pianoforte heraus. Seine 1802 ersch. Methode des Klavierspiels wurde 1826 von Czerny ins Deutsche übtr. Als Komp. ist er mit Kl.-Sonaten und Variationen hervorgetreten.
Sein Sohn Adolphe Adam bezog 1817 das Pariser Cons., arbeitete zunächst ziemlich nachlässig bei Anton Reicha, bis François-Adrien Boïeldieu seine Begabung erkannte und ihn in seine Kompos.-Klasse aufnahm. Durch freies Phantasieren auf der Org. und dem Kl. sowie durch Transkriptionen beliebter Opernmelodien wurde er bald bekannt. 1825 erhielt er den zweiten Rompreis. Bevor er 1829 mit seiner ersten einaktigen Oper Pierre et Cathérine herauskam, hatte er schon eine Reihe von Arien und kleinen Ensembles für Vaudevilles und Operetten geschrieben. Im April 1830 wurde der Dreiakter Danilowa aufgeführt. Mit leichter Hand schuf er dann innerhalb von achtzehn Monaten vier neue Opern, die sämtlich über die Pariser Bühne gingen. Während eines Aufenthaltes in London komp. er 1832 für Coventgarden die zweiaktige Oper His first compaigne und für das Queenstheater das dreiaktige Ballett Faust. Nach seiner 1833 erfolgten Rückkehr entstanden zahlreiche Opern, unter denen besonders der 1836 aufgeführte Postillon von Lonjumeau den internationalen Ruf des Komp. begründete. Infolge eines Konfliktes mit dem Dir. der opéra comique entschloß Adam sich im Jahre 1847 zur Gründung eines eigenen Theaters. Sein Théatre national aber fiel den Revolutionswirren von 1848 zum Opfer. Adam büßte dabei sein ganzes Vermögen ein und wurde durch eine Professur am Cons., die er nach dem Tode seines Vaters übernahm, nur mäßig entschädigt. Als kenntnisreicher Kl.-pädagoge und geistreicher Kritiker war er in Paris sehr geschätzt. In seinen späteren Jahren hat er sich nicht nur als Opernkomp., sondern mit einigen Ps. und Messen auch als geistlicher Musiker betätigt.
Adolphe Adam gehört zu den beachtenswertesten Erscheinungen der frz. Opernliteratur. Den Äußerlichkeiten der Großen Oper abgewandt, bewegt sein Schaffen sich zumeist in der heiteren Sphäre der opera buffa, die er gleich seinem Lehrer Boïeldieu in glücklichster Weise fortsetzt und mit den Forderungen der opéra comique in Einklang bringt. Die Emanzipation von dem durch Daniel-F.-E. Auber zu großer Höhe entwickelten Opernstil nimmt erst in den nach der Rückkehr aus England geschriebenen Werken greifbare Formen an. Der 1836 entstandene Postillon von Lonjumeau bedeutet Höhepunkt und Festigung zugleich. Trotz Anlehnung an Boïeldieu wirkt diese Oper durchaus selbständig. Man mag ihr vielleicht Gedankentiefe absprechen, doch zeichnen sich gerade hier die Vorzüge der Kunst Adams eindringlich ab: ein bedeutendes Talent für die Behandlung komischer Situationen, eine schlagkräftige Thematik und Personencharakteristik, gute Führung der Singst., vor allem in den Ensembles, und eine klangvolle, jedoch nie aufdringliche Instrumentation. Ähnliche Züge weist das Ballett Giselle auf. Es spricht für die geistige Beweglichkeit des Komp., daß er sich mit seinen Buffopern La poupée de Nurembourg und Les pantins de Violette zu dem neuen Stil bekennt, der durch Jacques Offenbach heraufgeführt wurde, eine Entwicklung, die sich schon in früheren Werken angebahnt hatte. Haben sich manche seiner Bühnenwerke als durchaus lebenskräftig erwiesen, so ist seine romantisierende KM heute vergessen. Seine 1841 erfolgte Neuinstrumentierung von Grétrys Richard Coeur de Lion erregte wegen ihrer stilwidrigen Einführung von Blechblasinstr. das Mißfallen Richard Wagners. Als Gesamtpersönlichkeit steht Adam wie Boïeldieu und Auber oder wie etwa die deutschen Komp. Marschner und Flotow zu sehr im Schatten der großen musikdramatischen Erneuerungsbewegungen um die Mitte des 19. Jh., wodurch manches an sich wertvolle Werk unverdientermaßen in Vergessenheit geraten ist.