LECHNER, Leonhard, * ca. 1553 in Südtirol, + 9.9. 1606 in Stuttgart. Die erste Erwähnung Lechners findet sich in Zahlamtsrechnungen des bayerischen Hofes für Landshut zum Jahr 1570, in dem er als Sängerknabe entlassen wurde und eine Abfindung von zehn Gulden erhalten hatte. Ob er bereits vor seinem Landshuter Aufenthalt Mitglied der Hofkapelle in Münchem war und ob er dort Schüler Orlando di Lassos gewesen ist, wird von vielen Forschern vermutet, läßt sich aber durch keine Dokumente belegen. Ebenso unbekannt ist, wo L. die folgenden etwa fünf Jahre seines Lebens verbracht hat. Seiner eigenen Aussage gemäß hat er in dieser Zeit »verschiedene Gegenden durchstreift«.
Vermutlich hat er sich in dieser Zeit in Italien aufgehalten und dort jene neuen satztechnischen Errungenschaften kennengelernt, die er dann später in seinem kompositorischen Schaffen benützt hat. Spätestens seit dem Jahr 1575 hielt er sich in Nürnberg auf, wo er in jenem Jahr die erste Ausgabe eigener Kompositionen erscheinen ließ, die Sammlung »Motectae sacrae«. In dieser Zeit ist er auch als Kollaborator an der Schule von St. Lorenz tätig. Am 8.10. 1576 heiratete L. die Nürnbergerin Dorothea, Tochter des Gewandschneiders Franz Lederer und Witwe des 1573 gestorbenen Stadtpfeifers Friedrich Kast. Dadurch war er auch im städtischen Leben der Reichsstadt etabliert.
Er war mit verschiedenen in Nürnberg bestehenden Musikgesellschaften eng verbunden, wie auch zahlreiche Widmungen seiner in rascher Folge erscheinenden Kompositionen zeigen. Außerdem bestanden Freundschaften zu einigen Patriziern. Trotz seiner Erfolge als Komponist und der Anerkennung, die ihm in Nürnberg zuteil wurde, blieb er in untergeordneter Stellung. Spätestens seit 1579 hat sich L. daher bemüht, eine ihm gemäße Anstellung zu erreichen. So existiert ein Empfehlungsschreiben Orlando di Lassos an den Dresdener Hof, in dem dieser L. für die Stelle eines Hofkapellmeisters vorschlägt.
Im Jahre 1582 ließ L. eine kleinere Komposition mit einer Widmung an den Fürsten Joachim Ernst von Anhalt drucken und diesem überreichen. Eine Bewerbung am Hof der Hohenzollern in Hechingen führte schließlich zum Erfolg. Zu Anfang des Jahres 1584 bereits hatte L. sein Amt als Hofkapellmeister beim Grafen Eitel Friedrich von Hohenzollern angetreten. Allerdings blieb er nicht lange in diesem Amt, da die Glaubensgegensätze, der Graf war katholisch, L. dagegen Protestant, nicht überbrückbar waren. Trotz der großzügigen Bezahlung und Anerkennung von seiten des Grafen verließ er heimlich Hechingen, um anderswo eine Anstellung zu finden. Eine weitere Bewerbung in Dresden blieb ohne Erfolg. Da der Graf Eitel Friedrich ihm mit Gefängnis drohte, begab sich L. unter den Schutz des Herzogs Ludwig von Württemberg nach Backnang. Dort wurde er zunächst als Tenorist mit einem bescheidenen Gehalt angestellt. Im Jahre 1589 wurde er dann Hofkomponist und 1594 schließlich Hofkapellmeister. In diesem Amt brachte er es dann zu großen Ehren, und die Hofkapelle erlebte unter seiner Leitung eine glanzvolle Periode. Er war so angesehen, daß er nach seinem Tode ein ehrenvolles Begräbnis erhielt.
Die Bedeutung Lechners liegt zweifellos in der Entwicklung des deutschen Liedes. Mit dem Aufkommen des musikalischen Kreises in den bürgerlichen Kreisen der Städte entstand ein Bedürfnis nach Werken, die dort aufgeführt werden konnten. Neben rein instrumentalen Werken waren dies besonders deutschsprachige Lieder. Die kunstvoll gearbeiteten Liedsätze Lechners entsprachen in ihrer Vielstimmigkeit sehr genau den Wünschen seiner Auftraggeber und Verehrer.
Im Gegensatz zu Orlando di Lasso, der noch mehr der Tradition der Niederländerschule verbunden war, ließ sie L. stark von dem von Italien kommenden Villanellenstil beeinflussen. Der Höhepunkt seines weltlichen Liedschaffens sind zweifellos seine »Deutschen Sprüche von Leben und Tod«. Daneben hat sich L. auch um die Entwicklung der geistlichen Musik verdient gemacht. Für die evangelische Kirchenmusik hat er auf zwei Gebieten entscheidende Impulse gegeben: Er hat das deutsche Kirchenlied weiterentwickelt und in seiner »Historia der Passion und Leidens unsers einigen Erlösers und Seligmachers Jesu Christi« das Vorbild für eine ganze eigenständige Kunstgattung geschaffen.