KUHNAU, Johann, ev. Kirchenmusiker und Jurist, * 6.4. 1660 in Geising (Erzgebirge), + 5.6. 1722 in Leipzig. - Die Familie stammte ursprünglich aus Böhmen. Wegen ihrer Zugehörigkeit zum ev. Glauben wurde sie aber im Zuge der Gegenreformation aus dem Habsburgerreich vertrieben. Der Familienname lautete ursprünglich auf Kuhn, erst Johann und seine Brüder nannten sich Kuhnau. Der Vater Barthel K., ein Tischler, heiratete am 18.2. 1656 die Schneiderstochter Susanna Schmied. Die Ehe war mit Kindern reich gesegnet, drei Söhne wurden Musiker. Außer Johann, dem bedeutendsten dieser drei Brüder, waren es Andreas (1657-1721) und Gottfried (1674-1736). Um das Jahr 1670 kam Johann K. als Schüler an die Kreuzkirche in Dresden, wo sein älterer Bruder Andreas bereits war. Der Unterricht an der Kreuzschule war damals sehr gut. Die musikalische Ausbildung erhielt K. bei den Schützschülern Alexander Heringk und Vincenzo Albrici. Als im Jahre 1680 eine Pestepidemie in Dresden ausbrach, kehrte er kurzfristig zu seinen Eltern nach Geising zurück. Bald danach ging er nach Zittau, wo er zum Begräbnis des dortigen Kantors Erhard Titius am 19.5. 1681 eine fünfstimmige Motette komponierte. Diese Motette, »Ach Gott wie lästu mich erstarren«, ist die früheste nachweisbare Komposition K.s. In Zittau wirkte er dann als praefectus chori und als Organist an St. Johannis. Er stand in einer freundschaftlichen Beziehung zum Rektor Christian Weise, bei dessen Aufführungen von Schuldramen er mehrfach mitwirkte. Im Jahre 1682 verließ K. Zittau, wobei die Tatsache mitbestimmend gewesen sein dürfte, daß als Organist an St. Johannis Johann Krieger eingesetzt wurde. Er wandte sich daher nach Leipzig, wo er sich als Organist an die Thomaskirche bewarb. Ihm wurde jedoch Gottfried Kühnel vorgezogen, der aber bereits 1684 starb. Eine zweite Bewerbung in diesem Jahr hatte Erfolg. Seit 1682 und auch noch während seines Wirkens als Organist betrieb K. juristische Studien, die er 1688 mit der Dissertation »De Juribus circa musicos« erfolgreich abschloß. Von da an bis ins Jahr 1701 war er auch als Anwalt tätig. Am 12.2. 1689 heiratete er Sabine Elisabeth Plattner aus Leipzig, mit der er sechs Töchter und zwei Söhne hatte. Im Jahre 1701 wurde er Thomaskantor in der Nachfolge von Johann Schelle, der im gleichen Ort geboren war wie K. und nur um wenige Jahre älter war. Als Thomaskantor hat K. viel komponiert. Von den überwiegend kirchenmusikalischen Werken hat sich allerdings wenig erhalten, da der größte Teil der Kompositionen für den Tagesgebrauch bestimmt war und daher nicht gedruckt wurde. Dagegen hat K. den Brauch eingeführt, die Libretti der aufgeführten Werke im voraus drucken zu lassen. Die Tätigkeit als Thomaskantor wurde für K. zunehmend unbefriedigend. Die Gründe dafür waren einerseits in den Auswahlkriterien zu suchen, nach denen die Schüler aufgenommen wurden, wegen der schlechten Vorbildung konnten nur wenige Schüler für die sonntäglichen Gottesdienste herangezogen werden, andererseits entstand in den Musikern Telemann (1701-1705) und Fasch (1707-1711) zeitweise eine starke musikalische Konkurrenz in Leipzig. Darüber hinaus mußte er erleben, daß immer wieder in wenig schöner Weise in seine Rechte eingegriffen wurde. Zwar konnte er diese Angriffe abwehren, aber sie brachten ihm häufig Ärger ein. Die letzten Lebensjahre K.s waren auch durch Krankheit gezeichnet. Er starb schließlich an der Lungenschwindsucht. - Eine umfassende Bildung ermöglichte es K., in vielen Bereichen anregend zu wirken. Seine Zeitgenossen haben ihn hoch gelobt, Scheibe rechnete ihn, neben Keiser, Telemann und Händel, zu den vier größten deutschen Komponisten der damaligen Zeit. Dieses Urteil ist für uns heute nicht mehr recht nachvollziehbar, da von dem Schaffen K.s wenig erhalten ist. Die erste Schaffensperiode, bis etwa zum Jahre 1700, widmete K. vor allem Kompositionen für das Klavier. Seine Werke dienten insbesondere der Förderung der technischen Entwicklung dieses Instruments. K.s Kompositionen waren so populär, daß er damals seinen Lebensunterhalt davon beinahe bestreiten konnte. Im zweiten Teil der Klavierübung aus dem Jahre 1692 verwendete er das erste Mal den Titel »Sonate« für ein Klavierstück. Der Erfolg seiner Klavierkompositionen beruhte vor allem darauf, daß er sich im Gegensatz zu den meisten Komponisten seiner Zeit nicht an ein höfisches, sondern an ein bürgerliches Publikum wandte. Es sprach für das Geschick K.s, durch ein dichtes Gewebe musikalischer Formen sowohl den gebildeten Musiker als auch durch verständliche Inhalte den Musikliebhaber anzusprechen. Den Höhepunkt dieser Schaffensperiode bilden zweifellos die »Biblischen Historien«, Klavierstücke, die auch heute noch Klavierschülern so manche Pein, aber auch Freude bereiten. Gleichzeitig versuchte sich K. als Romanschriftsteller, der mit zum Teil beißendem Spott die musikalischen Zustände seiner Zeit karikierte. Im zweiten Lebensabschnitt entstanden fast ausschließlich kirchenmusikalische Werke, von denen sich leider nur wenige erhalten haben. Sie wurden, im Gegensatz zu seinen Klavierwerken, von seinen Zeitgenossen als bereits veraltet bezeichnet. Diese Behauptung läßt sich zwar wegen der dürftigen Quellenlage kaum nachprüfen, aber allein die Tatsache, daß er wegen der oben genannten Schwierigkeiten im Amt resigniert hatte, läßt vermuten, daß er wenig Energie in seine Kirchenmusik investierte. Zum Schluß bleibt noch erwähnenswert, daß K. der unmittelbare Vorgänger Johann Sebastian Bachs (s.d.) im Amt des Thomaskantors gewesen ist.