Jacobus de Kerle (* in Ypern 1531/1532 - † in Prag, 7. Januar 1591) war ein flämischer Komponist und Organist der Renaissance. De Kerle wurde im Kloster St. Martin in Ypern ausgebildet und bekleidete Positionen als Sänger in Cambrai (Frankreich) und Chorleiter in Orvieto (Italien), wo er auch Organist und Carillonneur (Glockenspieler) wurde. Nach seiner Priesterweihe begann er, seine Musik verlegen zu lassen, einschließlich einer 1561 erschienenen Sammlung von Psalmen und Magnificat-Vertonungen in Venedig. Er wurde beauftragt, Musik für die ‚Preces Speciales‘ (‚besondere Bitten‘) zu schreiben, die vom Dominikaner Pedro de Soto für das Konzil von Trient verfasst wurden (Fertigstellung der Motetten-Sammlung 1562); obgleich er nicht aktiv an den konziliaren Beratungen beteiligt war, beeinflusste die Aufführung der ‚Preces Speciales‘ Berichten zufolge die Einstellung der Ratsväter über die Reformen geistlicher Musik.
1565 zum Musikdirektor der Kathedrale von Ypern ernannt, verlor er die Stelle, nachdem er am 30. März 1567 aufgrund eines Streits mit einem anderen Priester exkommuniziert worden war. Nachdem er die von Rom auferlegten Bußgelder entrichtet hatte, wurde er erneut in die Kirche aufgenommen. Weitere Stationen waren Rom und Augsburg, wo ihm 1568 von Kardinal Otto Truchsess von Waldburg eine Stelle als Chorvikar und Organist am Augsburger Dom angeboten wurde. Er blieb dort bis 1574, wurde allerdings bei der Vergabe der vakanten Kapellmeister- Position in Augsburg übergangen. Danach führte er ein unstetes Leben (Mons, Köln, Augsburg, Wien), landete schließlich 1583 in Prag, wo er auch 1591 starb.
Die gesamte erhaltene Musik von de Kerle ist vokale Polyphonie und kombiniert die Stilelemente der französisch-flämischen Schule der Generation nach Josquin mit derjenigen von italienischen Komponisten der Spätrenaissance wie Palestrina. Zu seinen überlieferten Werken gehören Messen zu vier und fünf Stimmen (die sechsstimmig komponierten Messen gingen verloren), Motetten, Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder. Einige Manuskripte sind noch erhalten.