Juan Crisóstomo de Arriaga schrieb seine frühesten nachgewiesenen Werke im zarten Alter von elf Jahren. Lange Zeit vor und nach ihm hat kein spanischer Komponist solche schöpferischen Höhen erreicht wie er. Sein früher Tod aufgrund von Tuberkulose (?) verhinderte die volle Entfaltung seines Potentials.
Es ist wohl eher selten der Fall, dass ein Geburtstag ein derartiges Vorzeichen ist, wie im Falle Juan Crisóstomo de Arriagas. An jenem 27. Januar 1806, dem Tag, an dem Wolfgang Amadeus Mozart 50 Jahre alt geworden wäre, im nordspanischen Bilbao geboren, muss Arriaga posthum für so manchen Vergleich mit Mozart herhalten. Er führt gar das ehrenvolle Attribut „El Mozart espanol“ (Der spanische Mozart), wobei sich gerade dieses, zumindest nach stilistischen Kriterien, rasch als Etikettenschwindel entlarvt. Zu solcherlei Vergleich reizt bestenfalls die bei Arriaga – wie bei Mozart – ausgeprägte, tragische Verknüpfung von früher kompositorischer Vollendung und ebenso frühem Ableben.
Arriagas außerordentliche musikalische Begabung äußerte sich offenbar bereits im Alter von 9 Jahren. Im Jahre 1818, also mit 12 Jahren, komponierte er eine Overtüre für kleines Orchester in f-moll, die er der „Academia Folarmónica“ in Bilbao widmete. Noch vor Vollendung seines 15. Lebensjahres entstand seine Oper „Los esclavos felices“ (Die glücklichen Sklaven), die 1820 in Bilbao aufgeführt wurde.
Obgleich Arriagas Kompositionen bereits zu diesem frühen Zeitpunkt durchaus eigene Wege gingen,, überzeugten sie den eher konservativen Luigi Cherubini, der den jungen Musiker im Oktober 1821 in Conservatoire zu Paris aufnahm, wo Arriaga bei Baillot Violine und bei Fétis Komposition studierte. Von Fétis stammen auch die wenigen biographischen Notizen über Arriaga, der ansonsten, hier wieder Mozart ähnlich, in einem Zerrbild aus glorifizierendem Nachruhm und dem Versuch der Mehrung des Geniekultes durch Tatsachenverdrehung seitens einiger Personen des biographischen Umfeldes überlebt.
Glaubhaft scheint die Äußerung von Fétis, er habe bereits nach drei Monaten Unterrichts seinem Schüler nichts mehr beizubringen gewusst. Nachdem Arriaga 1823 den „second prix“ in Kontrapunkt und Fuge gewonnen hatte, avancierte er 1824 zum Repetenten der Klasse für Harmonielehre und Kontrapunkt.
Nur 10 Tage vor seinem 20. Geburtstag, am 17. Januar 1826, starb Arriaga an einem Brustleiden, dessen Ursache selbst seriöse musikwissenschaftliche Publikationen in jenem rastlosen Schaffen suchen, das in den nicht ganz 11 Jahren seiner schöpferischen Tätigkeit einen umfangreichen Werkkatalog (wo ist dieser?) hervorgebracht hat, in dem fast ausnahmslos die wesentlichen musikalischen Gattungen vertreten sind. [Arndt Richter]