Eine geradezu unersetzliche Stütze bei der Aufführung von Kirchen- und weltlichen Festkantaten war Ratsmusiker Gottfried Reiche (1667-1734), der zu den tüchtigsten und zuverlässigsten Musikern zählte, mit denen Bach im ersten Jahrzehnt seiner Leipziger Tätigkeit zusammenarbeiten durfte. Als exzellenter Clarinbläser war er für Bachs schwierige und hochliegende Trompetenpartien prädestiniert und gewann als solcher einen fast legendären Ruf. Ihn darf man getrost einen virtuosen Künstler nennen. In Weißenfels geboren und aufgewachsen, ist Reiche 1688 - vorerst als Stadtpfeifergeselle - nach Leipzig gekommen, 1700 rückte er zum Kunstgeiger auf, schließlich stellte man ihn 1706 als Stadtpfeifer ein. Mit dem Ableben des bis dahin ältesten Stadtpfeifers Christian Gentzmer wurde Reiche 1719 Senior der Vereinigung.
Dass Gottfried Reiche in der Tat eine außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit gewesen sein muss, geht aus mehreren Sachverhalten hervor. So komponierte er - für einen Musiker im Stande eines Stadtpfeifers keineswegs allgemein üblich -, und von den einzig erhaltenen Kompositionen, den 24 Quatricinien "Mit einem Cornett und drei Trombonen" (Leipzig 1696) lässt sich sogar sagen, dass sie und die Bläser-Stücke seines berühmten Vorgängers Johann Pezel den Höhepunkt der Stadtpfeifermusiken überhaupt darstellen. Der Hamburger Musikgelehrte Johann Mattheson hielt Stadtpfeifer Reiche einer Erwähnung in seiner "Grundlage einer Ehren-Pforte" von 1740 für würdig. Der Rat der Stadt Leipzig beauftragte den sächsischen Hofmaler Elias Gottlob Haußmann, Gottfried Reiche zu porträtieren. Auf Haußmanns berühmtem Gemälde, "das Charakter und Würde des Mannes in bestem Lichte erscheinen lässt" (A. Schering), ist der Künstler jedoch nicht mit der Trompete in der Hand, sondern mit einem fünffach gewundenen Corno da caccia abgebildet. Das schönste Denkmal jedoch wurde Gottfried Reiche von J. S. Bach selbst gesetzt: Es sind die festlich-glänzenden, heroischen und auch verinnerlichten Trompetenpartien in vielen seiner geistlichen und weltlichen Kantaten!